Die Zeitlose Königin

Seit den Zeiten der ersten Menschen an den Ufern des Tu’naal besteht das Reich Van, das Große Reich, das Alte Reich. Seit den Zeiten, in denen der Wind und das Wasser Steine zu Kieseln gemahlen haben, seit dieser Zeit regiert die Zeitlose Königin.

 Unnahbar sitzt sie auf ihrem Thron, wunderschön und in herrschaftlichen Goldgewändern. Selten spricht sie, doch wenn, dann in einer Stimme, die selbst die bestausgebildeten Tempelsängerinnen von Aluhat beschämt, kurz und bestimmt, und nie, in dieser ganzen, langen Zeit nicht, hat es jemand gewagt ihr zu widersprechen. Nicht einer der Hohepriester, deren Wort das Gesetz der Götter ist, noch einer der adeligen Kriegsherren, dessen Befehl Hundertausende in die Schlacht führt, noch einer ihrer unzähligen Ehemänner, die über Leben und Sterben mit einem Wort entscheiden.

Die Zeitlose Königin ist, und niemand weiß wie lange schon. Selbst in den frühesten Aufzeichnungen ist sie bereits da, die Macht auf dem Thron, und, wenn man den Wahrsagern von Ulijetta oder den Weisen Frauen von Brachk’r glauben mag, wird sie noch in Jahrtausenden dort sitzen, wenn der Rest des Reiches schon staub sein wird, und fremde Stämme werden sich vor ihr verbeugen, wie es jetzt die hohen Herren von Van tun, und wie es, den Legenden nach, die alten Völker vor dem Aufstieg der Menschen taten.

Ihr Thron selbst scheint aus dem Fels herausgehauen zu sein, und manch ein Botschafter der Barbarenreiche, von Uli bis Kram und Dschedaja, hat sich verwundert, das, je weiter man in den königlichen Palast kam, je kleiner und unspektakulärer die Räume werden, bis der Thronsaal selbst nicht mehr ist als eine große Rundhütte aus der Zeit, als die Van noch Nomaden waren. Bis es ihnen allen gewahr wurde, vor wem sie stehen: Der Zeitlosen Königin, die seit Jahrtausenden auf ihrem Thron sitzt und deren erster Palast, von ihrer Magie erfüllt noch immer steht, noch immer von altertümlichen Ziegenfettlampen erhüllt, noch immer mit einem Fußboden aus gestampften Lehm, noch immer mit dem Thron aus Felsgestein, und noch immer, in goldene Gewänder gehüllt, und von überirdischer Schöhnheit, die Zeitlose Königin.

Es heißt, so lange die Zeitlose Königin auf ihrem Thron sitzt, so lange währt das Zeitalter der Menschen. An dem Tage aber, an dem sie ihren Thron verläßt, da wird alles enden, das Große Reich Van, die Barbarenkönigreiche, die Händler mit ihren Seidenballen auf dem großen Fluß Tu’naal, die Gelehrten in der Bibliothek Banne’e, die Krieger im Dschungel von Dulahn, die eisigen Welten des Nordens –alles.

Noch aber sitzt sie auf dem Thron aus Felsgestein, und immer noch schaut sie auf uns herab – unnahbar, wunderschön und zeitlos.

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