Tiaran

Tiaran ist eine kleine Stadt am Rand des alten Reiches, nördlich des Mündungssumpfes auf der westlichen Seite des Tu’naal direkt am Kordischen Meer gelegen. Sie ist eine größtenteils unabhängige Stadt, die keine wirkliche Armee unterhält sondern jährliche „Schenkungen“ an die göttliche Königin schickt; die Armee der Van hält im Gegenzug eine kleine Gruppe von Forts zur Abwehr der Ungeheuer aus dem Tua und den Sümpfen auf dem Gebiet der Stadt aufrecht. Die Van selber sehen Tiaran wohl eher als Provinz mit Eigenverwaltung an, trotzdem ist es Soldaten des großen Reiches verboten, ohne Erlaubnis die Stadt zu betreten.

Tiaran ist vor allem durch ihre uralten Gesetze bekannt, teils erstaunlich liberal, teils erschreckend archaisch-brutal. Das bekannteste, und wohl auch berüchtigste, Gesetz ist sicherlich die sogenannte Witwergabe. Stirbt eine Frau vor ihrem Mann, so muß er ihr in die stets hermetisch abgeschlossenen Katakomben folgen und elendig verhungern. Dieses Gesetz gilt für alle Männer, mit Ausnahme des despotisch regierenden Königs, der auch einen Harem hält – ein seltsamer Widerspruch zu den Gepflogenheiten in der Stadt selbst, wo die Frauen alleinige Haushaltsvorstände mit vollkommener Macht sind, und nur selten gibt eine freiwillig einzelne Aufgabengebiete an ihren Ehemann ab. Trotzdem wird das Heiraten in den Harem des Königs als große Ehre angesehen (vielleicht auch weil der König immer eine Mitgift zahlt, s.u.). Viele Tiaranni allerdings gehen keine offizielle Ehe ein, sondern leben in freier Gemeinschaft zusammen. Auch gleichgeschlechtlichen Partnerschaften werden dabei toleriert, ja sogar als normal angesehen. Diese freien Bünde müssen auch nicht instutionalisiert werden, wenn Kinder gezeugt werden, allerdings liegen die Rechte am Kind dann ganz allein bei der Mutter, während ein offizieller Ehemann, trotz seiner ansonsten rechtlosen Stellung, dann Anspruch auf eventuelle Mitgiften hat, die zu seinem alleinigen Besitz werden. Mitgiften werden in Tiaran immer vom reicheren Elternhaus an das Ärmere gezahlt, völlig unabhängig vom Geschlecht des Kindes. Da es aber ein Gesichtsverlust ist, Empfänger einer Mitgift zu sein, werden diese oft nur gezahlt, wenn der soziale Stand der Elternhäuser stark unterschiedlich ist. Ansonsten verkünden beide Mütter oft, daß sie exakt gleich gut gestellt seien, was den zusätzlichen Vorteil hat, die Ehemänner im Zaum zu halten. Ein gängiger Spruch der Tiaranni hat das zum Thema: „Gleich wie Brautmütter!“ heißt eben überhaupt nicht gleich sondern völlig verschieden.

Die Stadt lebt vom Fischfang und den Edelsteinminen des Königs, deren Gewinne dieser zu gleichen Teilen für die Schenkungen an das alte Reich verwendet, um die Bevölkerung zu ernähren und seinen luxuriösen Lebensstil zu pflegen. Die Wachen der Minen, in denen vor allem Smaragde in tief in den Fels führenden Schächten gefördert werden, sind am ehesten das, was Tiaran an Armee besitzt. Sie besitzen aber einen schlechten Ruf, und werden, wohl zu Recht, von der Bevölkerung als korrupt, brutal und willkürlich gefürchtet. Polizeigewalt haben sie offiziell nicht, aber die regulären Stadtbüttel, inkompetent und unterbesetzt, ziehen sie gerne hinzu, wenn es Probleme gibt, die ihre bescheidenen Kräfte übersteigen.

Die Wasserversorgung in Tiaran ist erstaunlich gut, da es unterirdische Flußsysteme gibt, die das Wasser von den Anhöhen des Tua in der Höhe von Tiaran ins Meer fließen lassen. Die Stadtschreiber des Königs verbreiten die Legende daß das elfische Wort Tinnán (=Quelle) Namensgeber der Stadt ist, schriftliche Quellen des alten Reiches aus der vor-zyklischen Zeit sprechen aber von einer Kriegsfürstin Th-ia-Nat. Ziemlich sicher ist der Wortteil „-an“ als altkordische Endung für Siedlung oder Befestigung; wie auch in Muranan „Burgsiedlung des Mur“, mit der doppelten Bedeutung durch Wiederholung der Silbe, oder Dregotan, wo das eigentlich granische Wort „Dreggo(t)“, Fels, mit der Endung versehen wurde.

Tiaran wird, wie der Tua auch, in unregelmäßigen Abständen von schweren Erdbeben heimgesucht, und die Bewohner neigen dazu nicht allzu hoch zu bauen, mit Außnahme des Königspalastes, der dementsprechend oft umgebaut und renoviert wurde und im Zeitraum der offiziellen Stadtgeschichte, die 295 beginnt, nicht weniger als drei Königen das Leben kostete. Schlimmer getroffen haben die Stadt aber die Fälle in denen das Brunnenwasser für eine oder zwei Jahreszeiten versiegte – viele Tiaranni fürchten den Durst mehr als alles andere, was zu der Einrichtung von großen, von den unterirdischen Flüssen gespeisten Zisternen geführt hat.

Der Hafen Tiarans wird selten von Handelsschiffen angelaufen, die etwas anderes als Getreide aus Van geladen haben. Manch ein Pirat mag das Desinteresse der Stadtbüttel ausnutzen und hier neue Vorräte fassen, aber grundsätzlich ist der Hafen gleichzeitig zu weit weg von den Schiffahrtsrouten, die das alte Reich, Uli und die Untertanen des Padischahs verbinden, und eben zu nah an den goldenen Kais von Zisalian, die für die meisten Händler mit irregulärer Fracht viel größeren Reiz ausüben.

Eintrag in der Enzyklopädie der sieben Weisen, Ausgabe 1145, Band 23, Seite 540, ohne Angabe des Verfassers

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