Die einseitige Kapelle

„Außerhalb von Freichenbrück, am westlichen Rand des Waldes, steht eine Kapelle, die einer besonderen Heiligen geweiht ist, der Heiligen Neoma. Ihr werden mehrere Wunder nachgesagt, wie das Verschwinden aus dem mit Zaubern gesicherten Tempelgefängnis des Herrn der Gerechtigkeit in Remmingar und das Verwirren des sogenannten Debilen Drachen in den Bergen von Potsover, vormals bekannt als Gerotrax der Mannfresser. Sie ist eine geringere Kraft des Chaos und des Guten, und wird in Heiligensammlungen meist im Gefolge des diebischen Hermes angeführt. Ihr Tag ist der 13. April, und ihre Attribute Bogensehne und Schnürstiefel.

Nun, wenn man aus dem Osttor von Freichenbrück tritt, kann man keinerlei Gebäude sehen, und auch keinen Weg oder Trampelpfad. Der Wald, mit seinen jahrhundertealten Eichen und den moosbewachsenen Findlingen, Trollsteine in der Gegend genannt, sieht absolut unberührt aus. Gläubige, oder kunstinteressierte Besucher aus anderen Weltgegenden, werden von den schelmisch grinsenden Einheimischen mit Andeutungen oder Rätseln geneckt, wenn diese nach der Kapelle fragen. „Der Weg ist das Ziel, aber manchmal muß man einfach Aufgeben um zum Ziel zu gelangen…“ ist eine der beliebtesten Anmerkungen.

Tatsächlich existiert die Kapelle nur, wenn man sie aus östlicher Richtung betrachtet. Sie ist auf eine unbekannte übernatürliche Weise einseitig. Wenn man versucht, sich ihr von einer anderen Richtung zu nähern, dann existiert sie nicht, bis man tatsächlich umkehrt und sich ihrem Standort von Osten nähert. Bei den unruhigeren Kindern von Freichenbrück ist eine Mutprobe, sich immer zwei Schritte rückwärts, dann einen Schritt vorwärts durch das Gebiet der Kapelle zu bewegen – schon mache blutige Nase wurde sich bei diesem eigentlich harmlosen Spiel geholt.

Die Kapelle selbst scheint nur ein völlig normales, kleines, aus zugehauenen Granitsteinen errichtetes Kirchlein mit einer einfachen Tür und zwei großen bunten Butzenglasfenstern zu sein, wenn man sie genau von Osten betrachtet. Bei einem leichten Winkel zu einer beliebigen Seite,  erkennt man sofort, das diese Fassade keine Seiten hat. Dort, wo die Granitsteine den Rand bilden, ist einfach nichts und man kann die Allmende, die Stadt und, je nach Winkel, die Berge oder die Weinstöcke im Süden bzw. Nordwesten davon sehen.

Betritt man die Kapelle, ist der interessierte Besucher oft überrascht, wie gewöhnlich das Innere ist. Sie besteht aus einem kleinen Andachtsraum und dem noch kleineren Wohnraum des Küsters. Der Andachtsraum ist meist von großen Wachskerzen auf dem Altarschrein beleuchtet, lassen die einzigen Fenster doch nur wirklich Licht am frühen Morgen herein, und selbst dann zumindest in den Sommermonaten noch gedämpft durch das Blätterdach des Waldes.

Überregional bekannt ist die schritthohe, geschnitzte Holzstatue der Heiligen vom Großmeister der Heiligenschnitzer, Heik Habel. Das verschmitzte Grinsen der Heiligen in ihrem Überwurf hat er selbst als eine seiner besten Arbeiten bezeichnet, auch wenn der geschätzte Kunstkenner die Jugend (Er war erst 16, als er sie erschuf) des Schnitzers an einer gewissen Rohheit der Meisselarbeit erkennen kann. Die Heilige trägt einen kurzen Chiton, und auch wenn dadurch ihre Schnürschuhe sehr schön hervorgebracht werden, so ist dieses Detail vielleicht auch anderen Ungestümheiten der Jugend zu verdanken.

Weiterhin sind die weißgetünchten, aber von Asche verdunkelten Wände der Kapelle mit einfachen Fresken zum Leben der Heiligen versehen. Auf Anfrage und gegen eine kleine Spende zum Unterhalt der Kapelle, ist der Küster auch bereit, einem Besucher die einzelne Reliquie der Heiligen im Besitz der Kapelle zu zeigen – der Fingerknöchel der  Sankt Neoma in einem sehr schön mit Messingtauben gefaßtem Glastubus.

Der Küster selbst, ein alter, fülliger Mann mit einer Vorliebe für nicht unbedingt feine Weine namens Brictios, bietet auch an, die Reliquie in einem Spiel Schelmenflach gegen einen Einsatz von mindestens 500 Goldstücken zu gewinnen – der geneigte Leser sei gewarnt, das ein Priester des Hermes in einer Kapelle einer der Täuschung verschriebenen Heiligen vielleicht nicht der vertrauenswürdigste Kartengeber ist. Allerdings ist er mit Zaubermacht gesegnet und freigiebig mit heilenden Gebeten, sollte jemand dringender Hilfe benötigen.“

Ausschnitt aus „Zwischen Potsover und Wiesming, ein Reisehandbuch“ von O.S. Galpellumyk

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